Zweites Gedicht von Goethe
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem
Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn sicher, er hält ihn
warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? - Siehst Vater, du den
Erlkönig nicht? Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? - Mein Sohn, es ist
ein Nebelstreif. -
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir! Gar schöne Spiele spiel ich mit
dir; Manch bunte Blumen sind an dem Strand, Meine Mutter hat manch gülden
Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Was Erlenkönig mir leise
verspricht? - Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; In dürren Blättern
säuselt der Wind. -
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? Meine Töchter sollen dich warten
schön; Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn Und wiegen und tanzen
und singen dich ein.«
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Erlkönigs Töchter am
düstern Ort? - Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau: Es scheinen die
alten Weiden so grau. -
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Und bist du nicht
willig, so brauch ich Gewalt.« Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich
an! Erlkönig hat mir ein Leids getan! -
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, Er hält in den Armen das
ächzende Kind, Erreicht den Hof mit Mühe und Not; In seinen Armen das Kind
war tot.
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